Cloudpunk Artwork

Review: Cloudpunk – Immersiv mit Gameplay Defiziten

Da Cyberpunk 2077 bereits zum zweiten Mal verschoben wurde, sehnen sich viele nach einem Titel, der ihnen die Wartezeit etwas verkürzt. Cloudpunk zeigt in unserer Review, dass es eine gelungene Einstimmung auf den kommenden Blockbuster ist, wenn auch mit Abstrichen.

Willkommen in Nivalis

Das Indie Spiel Cloudpunk erzählt laut der eigenen Aussage der Entwickler eine “Neon-Noir-Geschichte” in der verregneten Cyberpunk-Metropole Nivalis. Ihr spielt Rania, eine junge Frau aus einer ländlichen Region im Osten der Cloudpunk Welt, die vor ihren Schuldnern in die große Stadt flieht. Dort angekommen nimmt Rania einen Job bei dem illegalen Paketdienst Cloudpunk an. Sie erhofft sich, eines Tages ihre Schulden abzahlen zu können und die von ihr verhasste Großstadt zu verlassen.

Ihr seid jedoch nicht komplett auf euch allein gestellt: Stets an eurer Seite ist euer treuer Begleiter Camus. Die Roboter-Hund KI verkürzt euch in Nivalis als Bordcomputer eures HOVA-Fahrzeugs mit unterhaltsamen Gesprächen die Fahrtzeiten und dient darüber hinaus auch noch als moralischer Kompass. Des Öfteren meldet sich auch euer Vorgesetzter mit dem Decknamen „Control“ über das Com. Er erteilt euch Aufträge für neue Lieferungen und hat auch einige Informationen über die umtriebige Metropole und ihre Einwohner.

faszinierende Welt und moderne Thematiken

Die Geschichte von Cloudpunk umfasst die erste Nachtschicht von Ranias neuem Job als Lieferantin. Obwohl sie der Diskretion verpflichtet ist, treibt Ranias Neugier sie stets dazu, die Inhalte der auszuliefernden Pakete in Erfahrung zu bringen und die damit verbundenen Anlässe. Dies dient einerseits zur Vermittlung von neuen Anekdoten über die Welt von Cloudpunk, führt aber auch dazu, dass sie in den ca. 10 Stunden Hauptkampagne immer wieder vor moralische Entscheidungen gestellt wird. Die Konsequenzen für den späteren Story-Verlauf fallen weitestgehend moderat aus, da dieser in seiner Gänze sehr linear aufgebaut ist. Die Nebenmissionen hingegen können frei angegangen oder komplett übersprungen werden. Wir unterhalten uns mit Einwohnern, liefern Pakete für sie aus oder erweisen ihnen kleine Gefallen. Sie dienen als zusätzliche Informationsquelle über die Spielwelt und sind stimmig in die Welt integriert.

Cloudpunk Metropole Nivalis
Die Metropole Nivalis zieht einen förmlich in ihren Bann, © IONLANDS

Die größte Stärke von Cloudpunk ist die sehr immersiv aufgebaute Welt. Sound Design und Neon-Art-Style versetzen uns direkt in eine Cyberpunk Metropole, die uns mit der genretypischen Reizüberflutung begrüßt. Die vielen Geschichten aus Haupt- und Nebenmissionen vermitteln uns die zentralen Strukturen und Probleme, welche die Gesellschaft von Nivalis prägen: Ein von großen Mega-Konzernen kontrollierter Polizei-Staat, Diskriminierung von Androiden und ein Computer-Virus, welcher einer konventionellen Infektionskrankheit gleich kommt. Diese und einige weitere Themen sind glaubhaft erzählt und weisen teilweise auch erschreckende Parallelen zu unserer Gegenwart auf.

Auch die Charaktere von Cloudpunk sind interessant geschrieben und besonders Camus, wächst einem sehr schnell ans Herz. Man trifft außerdem auf sehr diverse Charaktere in Nivalis, wie z. B. CEOs, die sich über dem Gesetz sehen, einen Ingenieur, der zugibt, dass keiner mehr genau weiß, wie die technischen Systeme der Stadt eigentlich funktionieren oder „Aussiedler“, welche außerhalb der regulierten Bezirke in Lüftungsschächten um ihr Überleben kämpfen. Die einzige Ausnahme stellt Rania selbst dar. Der Versuch, ihren moralischen Konflikt darzustellen, ist den Entwicklern leider nicht ganz gelungen. Zu schnell ist ihr Wechsel zwischen „emotional aufgewühlt“ und  Gleichgültigkeit. Dies kann den Entscheidungen zugeschrieben werden, die uns öfters auch fragwürdige Aktionen tun lassen. Diese hinterlassen jedoch eher selten einen bleibenden Eindruck auf unsere Protagonistin.

"Sind wir schon da?"

So stark die Immersion der Welt und (die meisten) ihrer Charaktere in diesem Spiel hervorsticht, so auffällig ist das verschenkte Potenzial im Gameplay. Zwischen den interessanten Gesprächen und Story-Sequenzen finden wir uns oft auf langen Strecken in unserem HOVA wieder, bei dem wir nicht wirklich viel zu tun haben. Upgrades für das eigene Vehikel sind möglich und schalten einen kurzzeitigen Turbo und verbesserte Agilität frei, jedoch vertieft dies das Spielgeschehen nicht merklich. Die Hauptmissionen sehen vor, dass wir Pakete ausliefern, was zur Rolle von Rania passt, jedoch selten über Fahrten von Punkt A nach Punkt B hinaus geht. Puzzle-Einlagen sind selten und erfordern in der Regel nur das Finden von Ressourcen wie Elektronik oder Kühlmittel, um einen Aufzug zu reparieren oder eine Tür zu öffnen. Die Händler von Nivalis verkaufen uns oftmals nur kosmetische Gegenstände und auch unser eigenes Apartment können wir nur mit dekorativen Gegenständen ausstatten.

Cloudpunk Hova
Die Fahrt mit dem HOVA ist nicht immer aufregend, © IONLANDS

Die Nebenmissionen mit ihren oft einfühlsamen, oft humorvollen Geschichten sind von den selben Problemen betroffen. Einige sind mit ein oder zwei kurzen Gesprächen abgeschlossen und lassen oft das Gefühl der inhaltlichen Leere zurück. Auch die Verkettung von Nebengeschichten ist nicht vorhanden. Einige Charaktere können über den Verlauf des Spiels an unterschiedlichen Orten angetroffen werden. Diese Orte wurden in unserer Review allerdings oftmals nur durch Zufall gefunden, da keinerlei Hinweise dazu vom Spiel gegeben werden. Die Karte zeigt uns NPCs mit Dialogen an, allerdings immer für den aktuellen Stadtteil in dem wir uns befinden. Ein Wechsel der Kartenansicht zwischen den einzelnen Vierteln ist nicht möglich. Auch die wenigen Aufgaben innerhalb der Nebenmissionen sind reine Sammelquests, welche uns beispielsweise 60 Lochkarten suchen lassen. Die verknüpfte Geschichte und die Dialoge, die als Belohnung winken, sind nett geschrieben aber die Aufgabe selbst lässt sich nicht als unterhaltsam einordnen.

Fazit

Cloudpunk fesselt den Spieler mit seiner Geschichte, der pulsierenden Metropole von Nivalis und den humorvollen, wenn auch oft tragischen Figuren. Sie ist auch der treibende Aspekt, der uns durch eher langatmiges Backtracking und das abwechslungsarme Gameplay motiviert hält. Der Wunsch, zu wissen wie es weitergeht und mehr über das Cloudpunk Universum zu erfahren, überwiegt das spielerische Defizit. Der Umfang von ca. 10 – 15 Stunden hätte auch kürzer sein dürfen, wenn dafür die Geschichte straffer und mit weniger Leerlauf erzählt wird. Alles in allem sprechen wir für Cloudpunk dennoch eine Empfehlung für alle aus, die für einen Ausflug in ein dystopisches Cyberpunk Abenteuer nicht mehr länger auf Cyberpunk 2077 warten wollen. Cloudpunk ist aktuell auf Steam erhältlich.

Hinweis: Wer sich für die Hintergründe zu unserem Testverfahren und unserem Wertungsystem interessiert, kann diese auf unserer Wertungsskala-Seite nachlesen.

Unsere Wertung

6.7 Top Atmosphäre, dürftiges Gameplay
6.9
Präsentation
7.6
Storydesign
4.7
Spielerisches Erlebnis
7.6
Storydesign (Gewichtung 2)

Fazit

Cloudpunk versetzt einen in eine glaubhafte Cyberpunk Welt und erzählt dazu eine solide Geschichte. Defizite im Gameplay stellenweise viel Leerlauf verhindern jedoch eine höhere Wertung. Empfehlung für Genre-Fans.

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