Vor dem Leuchtturm steht Willem Dafoe mit Robert Pattinson und blickt auf das Meer

Filmkritik: Der Leuchtturm

Einer der überraschendsten und bildgewaltigsten Arthaus Filme der vergangenen Jahre lieferte 2019 Robert Eggers mit seinem Film „Der Leuchtturm“ (The Lighthouse) ab. Unsere Filmkritik zum Arthaus-Epos mit Robert Pattinson und Willem Dafoe würdigt dieses Meisterwerk und erklärt, weshalb man diesen Film unbedingt gesehen haben sollte.

prolog

Robert Pattinsons Reputation unter Filmfans ist bis heute umstritten. Der Schauspieler kämpft bis heute mit dem Image der Twilight-Filme, in welchen er von 2008 bis 2012 die Hauptrolle des Vampirs Edward Cullen spielte. Bereits während seiner Darbietung als Teenie-Vampir versuchte er mit Filmkritiker mit ernsteren Rollen und seinen Leistungen in Filmen wie Remember Me (2010) oder Wasser für die Elefanten (2011) zu überzeugen. 2012 unternahm er sogar in David Cronenbergs Film Cosmopolis seine ersten Schritte im Arthaus Genre, konnte aber auch hier weder Kritiker noch Publikum überzeugen.

Einzig seine Darbietung des Connie Nikas im Thriller Good Times (2017) überzeugte gleichermaßen und zeigte, dass er auch ernsteren Rollen durchaus gewachsen ist.

Im Frühjahr 2018 wurde verlautet, dass er in Robert Eggers neuestem Horror-Film mit dem Titel „The Lighthouse“ (Der Leuchtturm) eine Hauptrolle übernehmen wird. Überraschend wurde ebenfalls angekündigt, dass ihm dabei Schauspielkollege und Hollywood Größe Willem Dafoe zur Seite stehen wird. Eggers überraschte 2015 mit seinem Regie-Debüt The Witch und sein nächstes Schaffenswerk wurde seitdem mit Spannung erwartet. Wie bereits bei seinem Erstlingswerk, sollte er auch hier sowohl für das Drehbuch als auch die Regie verantwortlich sein. 

Das Zusammenspiel zwischen Eggers, Dafoe und Pattinson wurde mit Spannung erwartet und der Film wurde schließlich im Mai 2019 erstmal bei den Filmfestspielen in Cannes dem Fachpublikum präsentiert. Der Film überzeugte bei Kritikern und Publikum. Er erreicht auf Metacritic einen Kritiker-Score von 83 sowie auf IMDb einen User-Score von 7,6/10.

Plot

Der Leuchtturm

Die Handlung des Films spielt im späten 19. Jahrhundert auf einer abgelegenen Insel im Bundesstaat Maine an der amerikanischen Ostküste. Thomas Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson) treten als Freiwillige ihren vierwöchigen Dienst als Wärter einer abgelegenen und von der Außenwelt abgeschotteten, maroden Leuchtturm-Anlage an.

Beide Figuren kennen sich nicht und lernen sich erst nachdem sie auf der Insel Ihren Dienst antreten näher kennen. Zwei Menschen und deren Vorgeschichten prallen in einer isolierten Umgebung ungebremst aufeinander und als ein Sturm über die Insel hinweggefegt, wird aus kleineren Sticheleien und Machtspielen eine brutaler Nervenkrieg, der die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche hervorbringt.

Kritik

Der Film zeigt zu Beginn zwei Figuren, die sich nur auf den ersten Blick ähneln. Zum einen Thomas Wake, gespielt durch Willem Dafoe: ein gealterter Seefahrer, dessen schwere Beinverletzung ihn davon abhält weiter seiner großen Liebe, der See, zu folgen. Um ihr weiterhin nahe sein zu können, stellt dieser sich seit Jahren regelmäßig in den Dienst als Leuchtturmwärter.
Ephriam Winslow (Robert Pattinson) dagegen ist ein junger Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und seine letzte Anstellung als Holzfäller in den Wäldern Kanadas, nach einem Zwischenfall mit seinem Vorgesetzten, verlassen hat. Beide eint die Sehnsucht danach, Abstand von der Gesellschaft zu gewinnen.

Detaillierte Hintergründe der Protagonisten werden nur spärlich preisgegeben und so bleibt es in der Hand der Zuschauer, eigene Rückschlüsse über weitere Erlebnisse die Figuren zu ziehen. Dies trägt wesentlich dazu bei, dass beide Figuren über die gesamte Dauer des Films nur schwer einzuschätzen sind. Erste Machtkämpfe zwischen den beiden beginnen bereits direkt nach der Ankunft auf der Insel und gewinnen im Verlauf des Films immer weiter an Spannung.

Direkt zu Beginn stellt Wake unmissverständlich klar, dass Winslow – entgegen den Anweisungen und Vorgaben des Handbuchs – zu keinem Zeitpunkt Zugang zur Spitze des Leuchtturms erhalten werde. Nur ihm obliege die Nachtwache in der Spitze des Turms und Winslow solle sich sich stattdessen um die Instandhaltung der Anlage kümmern.

Der Abgrund

Getrieben vom Frust über sein Dasein als Bediensteter und gefangen in der Isolation der Insel, erkundet Winslow eines Abends die Umgebung auf eigene Faust und macht dabei eine Begegnung, welche sein gesamtes Denken und Handeln auf der Insel grundlegend verändern wird.

Der Gift-Cocktail aus Frust, negativer Motivation und Symptomen von Isolation ist eine Mixtur, welche mit zunehmender Dauer des Films ihre Wirkung entfaltet. Winslows Begegnungen mit den tierischen Bewohnern der Insel sind ein exzellentes Beispiel dafür, wie er zunehmend die Kontrolle über sich selbst und seine Situation verliert.

Die Nachricht darüber, dass ein herannahender Sturm die Erlösung des Schichtwechseln verhindern könnte, führt schlussendlich zur Entladung der in beiden Figuren aufgeladenen Wut. Es entfesselt sich ein Szenario, in welchem geschickt Psycho-/ Horror-Elemente mit teils fiktionalen Elementen und klassischem Drama gepaart werden.

Der Leuchtturm und ihre Vergangenheit führt zum Streit zwischen Willem Dafoe und Robert Pattinson
© Universal Pictures International Germany

Stil & Handwerk

Regisseur Robert Eggers schafft es, gemeinsam mit seinem Kameramann Jarin Blaschke, seine Vision gekonnt in gewaltigen und doch beklemmenden Bildern einzufangen. Hilfreich sind dabei die Stilmittel, welche Eggers bewusst wählte:  Ein selten gesehenes 1,19 : 1 Format sowie eine Schwarz-Weiße Farbgebung tragen dazu bei, dass besonders die raue, klaustrophobische Umgebung der Insel, die kalten, nassen Nächte sowie der Aderlass der beiden Hauptfiguren deutlich zum Vorschein kommt.

Es ist kaum vorstellbar, dass der Film in einem anderen Filmformat oder gar in Farbe auch nur Ansatzweise eine ähnliche Stimmung und Wirkung erzeugen hätte können und zurecht wurde die Kameraarbeit bei der Oscarverleihung 2020 mit einer Nominierung gewürdigt. Der Einsatz der Stilmittel unterstützt die Grundstimmung des Films enorm und trägt dazu bei, dass man auch als Zuschauer stets den Tagesanbrüchen entgegen sehnt, um der Dunkelheit und dem Aufeinandertreffen der beiden Darsteller beim internen Schichtwechsel entfliehen zu können.

Auch Details wie Kostüme, Filmschnitt oder Beleuchtung leisten sich keine Schwächen während der gesamten Spielzeit und zeigen auch hier die Liebe zum Detail des gesamten Produktionsteams für das Setting des Films.
Eggers verzichtet zudem bewusst auf den Einsatz billiger Horror-Jumpscares oder gezwungenen Drama Plot-Twists. Er erzeugt Spannung durch den gezielten Einsatz von Mitteln, die im Blockbuster Kino-Zeitalter vermeintlich aus der Mode gekommenen zu sein scheinen: Mimik, Gestik, Sprache und Szenenbild.

Musik & Ton

Die Musik & Ton-Effekte des Films sind ebenfalls durchgehend auf sehr hohem Niveau und unterstützen zusätzlich die Eindrücke, die die Zuschauer des Films durch raue Umgebung und Vorgänge auf der Insel gewinnen sollen.

Besonders bei den Umgebungsgeräuschen überzeugen die Tonaufnahmen und geben Details wie Windrauschen, brechende Wellen, das Knarzen von Dielen und Holzbrettern perfekt wieder. Das Aufheulen des Nebelhorns fährt als Zuschauern bis ins Mark und erzeugt immer wieder ein Unbehagen. Musik Komponist Mark Korven leistet ebenfalls einen hervorragende Arbeit und steuert einen hochwertigen Beitrag zum Gesamtwerk bei. 

Ein besonderes Detail des Films ist, dass sowohl Dafoe als auch Pattinson in einem sehr alten Englisch sprechen. Die Wahl der OV Tonoption ist unbedingt zu empfehlen, da beide Figuren hierdurch an Tiefe gewinnen und dies der Immersion des Films weiter zuträglich ist.

Darsteller & Schauspiel

Besonders hervorzuheben ist die Gesamtleistung von Willem Dafoe. Der Schauspiel-Veteran beweist einmal mehr, weshalb er als einer der besten Charakterdarsteller in Hollywood gilt und besonders bei der Darstellung von Figuren mit tiefen emotionalen Hintergründen seine Stärken ausspielen kann. Dafoe schafft es mit Glanz, den launischen und mürrischen alten Seemann zu mimen, dessen Leidenschaft ihn neben seinem Bein auch seine Ehe und den Kontakt zu seinen Kindern kostete.

Robert Pattinsons Leistung in diesem Film darf ebenfalls als herausragend bezeichnet werden. Wer Zweifel daran hat, dass der Schauspieler zu mehr als der Darstellung eines Teenie-Vampirs fähig sei, dem sei dieser Film wärmstens ans Herz gelegt. Pattinson entfaltet in einer fühlbaren Symbiose zwischen Regisseur Robert Eggers und Schauspielkollege Willem Dafoe eine darstellerische Leistung, welche als seine bisher Beste bezeichnet werden darf. 

Beide Schauspieler gingen in ihrer Darbietung der Charaktere an ihre Grenzen und ergänzten sich dabei so hervorragend, dass man nicht umhin kommt zu vermuten, dass Dafoe hier als eine Art Mentor für Pattinson fungiert haben muss. Dafoes Darbietung reiht sich in seine Liste der exzellenten Leistungen nahtlos ein und wirft erneut die Frage auf, weshalb er nie als potenzieller Schauspieler für einen “Joker”-Film in Betracht gezogen wurde.

Epilog

Als einziger negativer Punkt des Films kann das Ende des Films erwähnt werden. Dessen Erzählung lässt Raum für Interpretation und beschäftigt sich insgesamt etwas zu sehr mit den Thematiken alter Seemannsgeschichten und fiktionalen Elementen.

Zwar wird dies dem Gesamt-Ton und der Thematik des Films durchaus gerecht, fühlt sich jedoch im ersten Moment etwas unbefriedigend an und entfaltet erst nach mehrmaligen Nachdenken seine gewollte Wirkung. Das ist besonders deswegen schade, da das Ende zunächst mit einer sehr guten inszenierten Szene eingeleitet, deren spannende Ansätze jedoch nicht verfolgt werden.

Der Einsatz von fiktionalen Elementen als Stilmittel wurde bereits zu Beginn und in der Mitte des Films in ausreichender und angemessener Form genutzt und fühlt sich besonders im letzten Drittel des Films eher unnötig und teils gezwungen an.

Fans der Werke von Horror Autor H.P. Lovecraft werden an der Erzählweise, der Handlung und auch dem Ende des Films ihre Freude haben. Aber auch Zuschauer, die nicht mit den Werken des Literatur Autors vertraut sind, sollten dem Ende offen begegnen und es als Anstoß für eigene Interpretationen des Gesehenen sehen.

Unsere Wertung

9.2 Wertung
8
Drehbuch
9
Regie
10
Licht & Kamera
9
Szenenbild
9
Ton
10
Besetzung & Darstellung

Zusammenfassung

Liebhaber des Arthaus Kinos kann dieser Film ausnahmslos empfohlen werden. Die Mischung aus lovecraft-esken Elementen mit Geschichten von altem Seemannsgarn, interessanten Stilmitteln, einer tollen Regiearbeit und der Gewissheit, dass beide Inselbewohner der tickende Zeitbomben darstellen - deren Explosion eine schreckliche Auswirkungen aufeinander haben könnte - machen diesen Film zu einem der besten Filme 2019.