Jean Seberg_Kristen Stewart

Filmkritik: Jean Seberg

Nicht erst die Black Lives Matter-Bewegung verdeutlicht die Dringlichkeit zur Klärung schwerwiegender, sozialer Thematiken. Der neueste Film des Regisseurs Benedict Andrews über die (weiße) Schauspielerin “Jean Seberg” greift diese Thematik auf und versucht gleichzeitig ein eigenes Statement in dieser komplexen Thematik zu setzen. Lesen Sie hier unsere Filmkritik zum autobiografischen Verfilmung von „Jean Seberg“ mit Kristen Stewart in der Hauptrolle.

prolog

Die Thematik von Diskriminierung, der Bekämpfung von Vorurteilen aufgrund von Hautfarben oder Herkunft oder der Dringlichkeit zur Schaffung von allgemeiner Chancengleichheit ist heute sogar noch brennender als sie es bereits in den 1960er Jahren war. Wohl auch daher, weil diese wesentlichen Fragen seit 50 Jahren nicht nachhaltig beantwortet wurden.

Wie sich das grundsätzliche Gedankengut einer gesamten Nation verändern lässt, beschäftigt weder uns, noch die USA erst seit gestern. Über Jahrzehnte beschäftigen sich verschiedene Aktivisten, Gruppierungen, Intellektuelle, religiöse Leitpersonen, Politiker, Schauspieler und unzählige weitere Individuen mit dieser Frage – doch bis heute ohne nachhaltige Antwort oder Lösungsansatz.

Plot

Die "Black Panther"-Bewegung

In seinem Biopic versucht Andrews, die Widerstände und Auswirkungen aufzuzeigen, die der damals knapp 30 Jahre alten Schauspielerin entgegen schlugen, als sie sich öffentlich für die Rechte der schwarzen Bevölkerung in den USA einsetzte. Auch Ihr Privatleben litt schwer unter dem Einsatz für Ihre Überzeugungen.

Jean Sebergs gesamter Werdegang und besonders ihr eigenes Schicksal war eng mit der “Black Panther”-Bewegung der 60er und 70er Jahre sowie Ihrer handelnden Akteure verbunden. Die Schauspielerin engagierte sich bereits früh In Ihrer Karriere für die Belange der schwarzen Bevölkerung (People of Color) in den USA und unterstützte zahlreiche Bewegungen nicht nur finanziell, sondern auch durch Ihre Einflussmöglichkeiten für Lobbyarbeit im Hollywood der 60er Jahre. Hier setzte der Film von Andrews an und möchte eine realistische Darstellung des Geschehenen bieten.

Kritik

Für die Besetzung der Hauptrolle engagierte Andrews Kristen Stewart, welche sich seit vielen Jahren in verschiedenen Genres bewegt und optisch eine sehr große Ähnlichkeit zur echten Jean Seberg nicht von der Hand gewiesen werden kann. 

Stewart bewegt sich, ähnlich wie Ihr ehemaliger Twilight-Schauspielkollege und Lebensgefährte Robert Pattinson, seit Ihrer Twilight Rolle in verschiedenen Genres, konnte allerdings bisher nur bedingt Kritiker und Fans mit Ihren Künsten überzeugen – wenngleich auch sie in den vergangenen Jahren mutigere Rollen spielte. In den weiteren Hauptrollen treten Jack O’Connell (Unbroken, 2014) als engagierter und talentierter FBI Agent sowie Anthony Mackie (The Hurt Locker, 2008; Marvel (Falcon)) als Black Panther Aktivist “Hakim Jamal” auf. 
Auch die wichtigen Nebenrollen sind mit Vince Vaughn, Colm Meaney oder Yvan Attal stark besetzt.

Jean Seberg_Anthony Mackie_Kristen Stewart
© Prokino Filmverleih

Mangelnde Symbiosen

An der schauspielerischen Leistung von Kristen Stewart ist über den gesamten Film hinweg nichts auszusetzen. Die Schauspielerin leistet eine gute Arbeit und verkörpert die Person Seberg glaubwürdig und ohne Patzer. Es ist vielmehr das dünne Drehbuch und teilweise auch der vielleicht um 10-15 Minuten zu kurz geratene Film, der Ihr und besonders den Kollegen O’Connell und Mackie den Raum nimmt, ihre Leistungskraft zu zeigen und damit den Figuren Tiefe zu verleihen.

Größtes Problem des Films ist es, dass der Film durchgängig sehr hektisch wirkt und im Eiltempo von Szene zu Szene springt. Der Ablauf, dass Seberg Hakim Jamal kennenlernt, öffentlich Sympathie äussert, das FBI auf sie aufmerksam wird, Sie seine Adresse bekommt, in seiner Wohnung in LA vorfährt und schlussendlich mit ihm eine Affäre beginnt wird beispielsweise in wenigen Minuten abgehandelt. Dies tut der Figur von Kristen Stewart grundsätzlich keinen Abbruch, da sie noch viele Minuten im Film erhält, nimmt allerdings der Figur des Abdul Hakim – und damit Anthony Mackie – unfassbar viel Raum für Dialoge und schauspielerische Leistung. Denn seine Person war und ist es, die Seberg in ihr Unglück stürzte. 

Der Mangel an Szenen zwischen beiden Figuren zieht sich durchgängig durch den Film und führt dazu, dass man für die Probleme, die durch die Affäre oder auf sämtlichen anderen Ebenen entsteht, kaum Empathie entwickeln kann. Auch dann nicht, wenn Seberg von Hakims Frau zu Rede und Antwort zwischen zwei Frauen gebeten wird. Dies entwickelt sich über die Laufzeit des Films zu einem immer größer werdenden Problem und stellt in der Summe sogar das größte des Films dar.

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© Prokino Filmverleih

Wenig Raum zur Entfaltung

Mangelnde Zeit ist auch das Problem für alle Szenen des FBI. Die Institution wird verkörpert durch Jack Solomon (Jack O’Connel), einem jungen, aufstrebenden Abhörspezialisten. Carl Kowalski (Vince Vaughn), einem erfahrenen alten Hasen des FBI, der als Mentor für Jack auftritt, sowie Frank Ellroy, der von Colm Meaney verkörpert wird und den leitenden FBI Agenten der beiden vorgenannten spielt.

Tatsächlich gelingt es O’Connell überraschend gut aus seiner Screentime möglichst viel aus seiner Figur heraus zu holen. Dies gelingt ihm mitunter deshalb so gut, weil dies seinen Partnern und  Kollegen Vaughn und Meany ebenfalls sehr gut gelingt und sich so eine gute Dynamik unter den FBI-Figuren entwickeln kann. Leider fallen die ehelichen Probleme, die Jacks Aufgabenfeld beim FBI mit sich bringen, eher negativ auf. Seine Ehefrau Linette wird von der jungen Schauspielerin Margaret Qualley verkörpert. Ihre Figur hat von allen genannten am wenigsten Screentime und wirkt in der Gesamtheit des Films auch nicht “passend” platziert.

Die Thematik, dass ihr Medizinstudium sie potentiell an einer Familiengründung hindert und somit den ersten Konfliktherd in Ihrer Ehe entflammt wirkt zwar modern, für einen Film in den 60er Jahren der USA jedoch deplaziert. Zudem ist nicht auszuschließen, dass Ihre Figur aus dramaturgischen Gründen im Drehbuch deutlich aufgehübscht wurde, um schlussendlich Jack mehr Dialoge und Szenen bieten zu können.

Epilog

Grundsätzlich handelt es sich bei Jean Seberg um einen “guten” Film. Die Kostüme und die Location Auswahl sind gut und lassen keine Wünsche offen. Auch Licht und Ton sind auf gutem Niveau. Die Regie und Kameraarbeit bleibt aber ohne herausragende Momente. Im Detail weist der Film jedoch handwerkliche Schnitzer und ein wenig durchdachtes Drehbuch vor. Die Hauptfiguren entwickeln keine gemeinsame Synergie, ergänzen sich nur wenig, die Nebenfiguren setzen keine Impulse und bleiben im gesamten Verlauf der Handlung blass. 

Der gesamte Plot plätschert vor sich hin und besonders Schlüsselmomente in Sebergs Leben leiden dadurch erheblich im Bezug auf Dramatik und Wirkung. So wird ihre steigende Paranoia, die durch den Tod Ihres Hundes erheblich an Fahrt gewinnt, in wenigen Minuten abgehandelt. Dies ist besonders bedauerlich, da dies die Momente sind, auf die man als Zuschauer quasie hinfiebert.

Tatsächlich ist die abschließende Bar-Szene des Films sowohl die stärkste, gleichzeitig aber auch die enttäuschendste. Hier zeigen sowohl Stewart als auch O’Connell, welche Möglichkeit dieser Film theoretisch geboten hätte im Bezug auf Dramatik, Synergie und Stimmung. Auch Regisseur Andrews inszeniert diese Szene gekonnt und rettet viel.

Unsere Wertung

5.5 Durchschnittlich
6
Ton
6
Licht & Kamera
6
Szenenbild
5
Besetzung & Darstellung
5
Regie
5
Drehbuch

Zusammenfassung

Die Verfilmung über das Leben von Jean Seberg bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Der Film ist grundsätzlich kein Totalausfall, kann aber in den entscheidenden Szenen nicht überzeugen. Handwerklich gibt es ebenfalls keine Tiefpunkte, aber auch keine nennenswerten Szenen, die in Erinnerung bleiben. Kristen Stewart überzeugt als Hauptdarstellerin. Die Schauspielerin holt aus dem dünnen Drehbuch alles nur Mögliche heraus und ihre Darstellung verdient Würdigung an dieser Stelle, grundsätzlich ist der Film jedoch kein “Must See”.