Mark Ruffalo "Robert Bilott" Vergiftete Wahrheit Dark Waters

Filmkritik: Vergiftete Wahrheit

Regisseur Todd Haynes neuester Film ist der vielleicht wichtigste Film in Zeiten der Corona-Krise. Der Film steht für alles, was wir vom Reviewerk an der Kunstform Film lieben. Was diesen Film so besonders macht und weshalb Sie ihn unbedingt sehen sollten, verraten wir in unserer Filmkritik zu “Vergiftete Wahrheit”.

Prolog

“Vergiftete Wahrheit“ (im englischen “Dark Waters”) ist einer dieser Filme, von denen man sich fragt: warum hört und sieht man davon eigentlich nichts in Zeitungen, TV oder zumindest als Tipp von Freunden, die tiefer in der Materie “Film” sind als man selbst? Die Antwort ist hier so einfach wie erschreckend: keine Ahnung. 

(Ja, Sie haben richtig gelesen.)

 

Bereits im Herbst 2019 (!) startete der Film in den US-Kinos und konnte schon damals Kritiker begeistern. Dennoch konnte er – außer auf kleinen Festivals – keine namhaften Preise für sich beanspruchen. Weder bei den Oscars noch bei allen anderen Festivals fand er irgendeine Erwähnung. Bemerkenswert. Sicher, nicht jeder Film kann und wird bei den Oscars nominiert, doch stellt man sich nach der Sichtung von “Vergiftete Wahrheit” die ernsthafte Frage: weshalb war es hier nicht der Fall? Eine mögliche Erklärung hierfür liegt vielleicht in einem winzigen Detail der 126 Minuten langen Handlung des gesamten Films: er beruht auf wahren Begebenheiten.

Der Plot

Cincinnati, 1998. Der Unternehmensanwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo) hat es geschafft. Er besitzt ein Haus in der Vorstadt, ist glücklich verheiratet und seine Frau erwartet das erste gemeinsame Kind. Er steigt zum Partner einer Anwaltskanzlei auf und berät erfolgreich Unternehmen in West Virginia in juristischen Fragen. Der Sohn einer Familie aus einfachen Verhältnissen hat es geschafft – er ist am Futtertrog angekommen.

Eines Tages wird Bilott in seiner Kanzlei von einem aufgebrachten Farmer aufgesucht, der ihn darum bittet, die mysteriösen Vorgänge auf seiner Farm zu untersuchen. Nachdem sich Bilott lange dagegen wehrt, willigt er auf Bitten seiner Großmutter doch dazu ein, sich des Falls anzunehmen und besucht den Farmer Wilbur Tennant auf seiner Ranch  in Parkersburg. Dort stellt Bilott fest, dass in jüngster Vergangenheit fast 200 Kühe von Tennant verstorben sind. Der Farmer vermutet, dass der Chemiekonzern und größte Arbeitgeber der Region “DuPont” dafür verantwortlich ist – der Klient von Bilotts Kanzlei.

Gegen den Willen seiner Kanzlei-Partner, stellt Bilott weitere Nachforschungen an und deckt auf, dass der geschätzte Klient der Kanzlei tiefe, dunkle Geheimnisse hat, die seit Jahrzehnten vertuscht werden. Die Indizien, die er aufdeckt, nehmen einen Umweltskandal von unfassbarem Ausmaß an, der die gesamte Welt für immer verändern soll. Unterstützt von seiner Frau Sarah (Anne Hathaway), widmet er sich und größtem Druck der Aufarbeitung dieses Falles, der ihn seinen Ruf, privates Glück und seine ganze Karriere kosten könnte.

Todd Haynes' Mark Ruffalo Vergiftete Wahrheit Dark Waters
© Tobis Film GmbH

Kritik

Die gesamte adaptierte Handlung geht auf einen 2016 veröffentlichten Bericht des New York Times Journalisten Nathaniel Rich zurück, der den Kampf des Anwalts Rob Bilott gegen den Chemiekonzern DuPont dokumentierte. Bereits im Film selbst wird deutlich, wie übermächtig die Chemielobby ist, deren schier unendlichen Geldmittel ausreichen, um jeden Gerichtsprozess und jede noch so hohe Schadens- oder Schmerzensgeldforderung mit Anwälten zum Schweigen zu bringen. Diese Erkenntnis führt unweigerlich zu der Annahme, dass dies auch mit diesem Film geschehen sollte, steht er doch für eine der größten Chemiekatastrophen der jüngeren Vergangenheit.

“Teflon”, welches nach dem zweiten Weltkrieg aus der Militärtechnik Einzug in die Haushalte der Welt hielt, dient als Beschichtung für Pfannen, dessen Wirkung das Anbrennen von Speisen verhindert. Was wie ein Wunderstoff klingt hat aber entscheidende Nachteile: der Stoff sondert ab ca. 200 Grad Erhitzung krebserregende und giftige Stoffe ab. Der Entwickler: der US-Chemiekonzern DuPont. 
Der Chemiekonzern schaffte es, seine jahrzehntelangen Forschungen mit der “Teflon”-Beschichtung von Pfannen unter Verschluss zu halten, trotz der mitunter erschreckenden, dokumentierten Auswirkungen, die die Chemikalie nach anhaltender Aufnahme durch Menschen oder Tiere verursachte. Diese streckten sich von verfaulenden Zähnen und Zahnfleisch, über Krebs, der Veränderung innerer Organe, Hirnschäden, bis hin zu Unfruchtbarkeit oder Behinderungen bei Neugeborenen von Mitarbeitern oder Anwohnern.

Regie & Schauspiel

Regisseur Todd Haynes leistet dabei eine exzellente Arbeit. Der Film erinnert in seiner Erzählweise stark an den Erin Brockovich, handwerklich merkt man dem Film an, dass er von Regisseur David Fincher inspiriert wurde. Besonders die kalte, blaue Farbgebung erinnert dabei an den großen Regisseur. Unterstützung erhält Haynes dabei von seinem Kameramann Edward Lachman, der ihn auch schon bei seinen früheren Werken begleitete. Die künstlerische Harmonie und Vision der beiden ist deutlich spürbar und schafft es, den Film in ein durchgehend kaltes, erschauderndes Setting zu hüllen, welches eine beklemmende Stimmung als Zuschauer erzeugt. Besonders die eher ruhige Kameraführung trägt stark dazu bei, dass Emotionen und Dialoge viel Zeit zum reifen und wirken haben.

Die beiden Hauptdarsteller Ruffalo und Hathaway liefern eine bemerkenswerte Leistung ab. Ruffalo, welcher den meisten Zuschauern aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU) als “Hulk” bekannt sein sollte, zeigt in diesem Film eindrucksvoll, dass er es versteht, Charaktere zu mimen, die vielschichtig und innerlich zerrissen sind. Gefühlt hat es diesen Film gebraucht, damit er das Image des Hulk etwas abschüttelt. Wenn gleich Ruffalo schon seit vielen Jahren in Hollywood unterwegs ist und auch schon zuvor starke starke Rollen gespielt hat (Spotlight, The Kids Are All Right). Besonders erwähnenswert ist die Leistung von Anne Hathaway. Die Schauspielerin liefert als Ehefrau Sarah Bilott die mitunter vielleicht beste Leistung ihrer bisherigen Karriere ab. Die Oscar-Gewinnerin (Les Misérables, 2013) dient als wichtige Stütze für Ruffalos Charakter, dessen David gegen Goliath Kampf wohl nie so lange angehalten hätte ohne den Rückhalt der Mutter seiner Kinder.

Das Skript liefert der Schauspielerin einige starke Momente, die lange in Erinnerung bleiben. Erwähnenswert seien dabei die Momente, als Sie Ihren Mann beim nächtlichen Durchwühlen des Geschirrs in der eigenen Küche erwischt oder als sie Ihren Mann am Krankenbett besucht, als dieser einen Schwächeanfall erleidet. Ihre Figur ist es, die auch den Zuschauern mitunter immer wieder deutlich macht, weshalb dieser Kampf geführt werden sollte und muss – entgegen aller Momente, die einen verzweifeln lassen.

Handwerk

Das Setting, Kostüme, Licht, Kulissen und auch die musikalische Untermalung lassen wenig Raum zur Kritik. Das Drehbuch bietet allen Haupt- und Nebendarstellern Raum zum Wirken, ohne dabei unnötige Längen zu erzeugen. Die Erzählweise ist dabei ruhig und klar verständlich, ein Faktor, der besonders modernen Filmen zunehmend schwer fällt und der oft dazu führt, dass Zuschauer bei einem kurzen Moment der Unachtsamkeit oder Unverständnis sofort den gesamten Faden verlieren.

Anne Hathaway "Sarah Barlage" Vergiftete Wahrheit Dark Waters
© Tobis Film GmbH

Epilog

Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, Mark Ruffalos Figur dabei zuzusehen, wie sie unter dem Berg von hunderten Kartons Beweismaterial versucht, den Überblick im Kampf gegen einen schier unbesiegbaren Gegner zu gewinnen. Eine der intensivsten und beängstigenden Szenen des Films ist der Moment, als Ruffalo bei einem Besuch auf der Ranch des Farmers Tennant von einer wild gewordenen Kuh angegriffen wird und kurzzeitig sogar um sein Leben fürchten muss. Sowohl für den Zuschauer als auch für die Figur selbst stellt dieser Moment den Punkt im Film dar, an dem klar wird, dass hier etwas gewaltig schief läuft.


Wer diesen Film anschaut wird nach dem Verlassen des Kinos mit dem Gedanken spielen, seine beschichtete Pfanne zu entsorgen. Spätestens dann, wenn am Ende des Films gezeigt wird, dass ca. 99% aller Lebewesen auf diesem Planeten Rückstände der nicht abbaubaren Chemikalie in ihrem Körper tragen. Seit Jahrzehnten betreibt der Konzern größte Anstrengungen, die gesundheitlichen Risiken, die durch die Herstellung und den Einsatz von Teflon auftreten, zu verschleiern.


Für Filmliebhaber, die bereits an Filmen wie “
Just Mercy”, “Official Secrets”, “The Report” oder z.B. “Die Jury” bzw. “Erin Brockovich” ihre Freude haben, werden mit diesem Film genau das finden, was sie suchen.

Unsere Wertung

8.5 Starkes Kino
8
Ton
8
Licht & Kamera
7
Szenenbild
10
Besetzung & Darstellung
9
Regie
9
Drehbuch

Fazit

Todd Haynes liefert den - in der Corona Zeit - vielleicht wichtigsten und besten Film des Jahres 2020 ab. Ähnlich wie z.B. "Three Billboards Outside Ebbing Missouri" dringt der Film teilweise tief in die eigene Gefühlswelt ein und hinterlässt deutliche Spuren. Bedauernswert, dass der Film bei allen wichtigen Preisverleihungen ohne Anerkennung blieb, die Gründe hierfür sind schleierhaft.