Filmkritik: THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

Es gibt nicht viele Filme, von denen man sofort spürt, dass sie Magie in sich tragen. Regisseur Martin McDonaghs Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist einer dieser Filme. Er verbindet alles, was großes Kino ausmacht und was wir vom Reviewerk am Medium Film lieben und schätzen. Zu recht wurde der Filme an sich und auch seine Darsteller mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Lesen Sie unsere hier unsere ausführliche Filmkritik zum Arthaus Meisterwerk: Three Billboards outside Ebbing, Missouri.

Prolog

Leid, Verzweiflung und der daraus resultierende Frust kann eine Kombination sein, deren Auswirkungen schwer vorhersehbar sind. Wenn Menschen Leid jeglicher Art widerfährt und dazu weitere Faktoren einwirken, können Dinge passieren, die Menschen entweder zerbrechen lassen (Der Leuchtturm) oder Tiefen hervorbringen, die uns zu erschrecken vermögen (Der Joker). 

2018 erschien ein Film, der es aufgrund seiner Tiefe, seiner Geschichte und seiner Erzählweise in meine persönliche Top10 der Jahre 2010-2020 geschafft hat: Three Billboards outside Ebbing, Missouri.

Plot

Die Stadt Ebbing im Bundesstaat Missouri ist ein kleines Dorf mitten in den USA. Ein Dorf wie es an jedem Ort dieser Welt stehen könnte. Die Einwohner kennen sich, Geheimnisse gibt es nahezu keine. Lästereien und Geschichten gibt es zu genüge. “Man kennt sich” könnte das Stadt Motto dieses Ortes sein.

Monate sind vergangen, seit die Tochter von Mildred Hayes (Frances McDormand) brutal vergewaltigt und ermordet wurde. Nachdem die lokale Polizei den Fall ohne großen Nachdruck nicht weiter ernsthaft verfolgt, greift die frustrierte Mutter zu einer radikalen Maßnahme: Sie mietet drei unbenutzte Reklametafeln an der Stadteinfahrt Ihrer Heimatstadt Ebbing und lässt diese mit provokanten Sprüchen gegen den Polizeichef der Stadt bekleben. 

Die Sprüche sollen die ortsansässige Polizei dazu bringen, sich mehr um den Fall zu kümmern. Die Maßnahmen stoßen auf geteilte Meinungen in dem kleinen Ort und als die rechte Hand des Polizeichefs Jason Dixon (gespielt von Sam Rockwell) sich eigenmächtig in die Angelegenheit einmischt, eskaliert der Konflikt zwischen der Mutter und den Ordnungshütern der Kleinstadt.

Kritik

Die Schauspielerin Frances McDormand liefert in diesem Film eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab. Nicht erst seit ihren Rollen in Burn After Reading (2008), Hail Caesar (2016) oder Fargo (1996) ist die Schauspielerin bekannt und wusste mit starken Leistungen zu überzeugen. Sie überzeugt in der Rolle der von Wut getriebenen Mutter so gut, dass der dafür erhaltene Oscar oder der Golden Globe als Beste weibliche Darstellerin 2018 mehr als gerechtfertigt erscheint.

Neben McDormand zeigt Sam Rockwell eine Leistung, die auch ihm einen Oscar als Bester Nebendarsteller bei der Preisverleihung 2018 einbrachte. Seine Darbietung des Polizisten Jason Dixon wandelt zwischen Dingen wie Bewunderung für seinen Chef, Respekt und Pflichtgefühl, aber auch Rassismus, Streitsucht und Geltungsdrang. Es fällt einem als Zuschauer schwer, sich vorzustellen, dass ein anderer Schauspieler eine ähnlich gute Darstellung der Figur hätte abliefern können. So beeindruckend ist seine Darbietung.


Ein Antrieb für die Motive und Handlungen von Rockwells Figur, ist die Person des örtlichen Polizeichefs Bill Willoughby, der von Woody Harrelson verkörpert wird. 
Harrelson, ein bis heute oft unterschätzter Schauspieler, liefert, wie seine beiden Schauspielkollegen, ebenfalls eine tadellose Leistung ab und leistet sich keinerlei Schwächen bei seiner Darstellung des Polizeichefs Willoughby.
Als Polizeichef ist er Dreh- und Angelpunkt der kleinen Gemeinde und eine Respektsperson. Er Ist Familienvater, gläubig, verheiratet und geht in die Kirche. Er ist das, was Rockwells Figur gerne wäre und eben dieser Umstand ist es, der dessen Figur gegen Mildred Hayes angehen lässt, als diese Willoughbys Reputation und Ansehen beschmutzt. 

Three Billboards outside Ebbing, Missouri_Dormand
© Twentieth Century Fox

Einfluss

Die Geschichte um die Figur der Mildred Hayes beruht nicht auf wahren Tatsachen. Und dennoch ist es eine Geschichte, von der man sich – in aller Schrecklichkeit der Umstände – beinahe wünscht, dass sie so passiert wäre. Man möchte, dass diese erzählte Geschichte wahr ist. Das beruht aber nicht auf den Tatsachen und Umständen, denen die Figur Mildred Hayes ausgesetzt ist, sondern der Charakterentwicklung, die diese Figur durchläuft. Man fiebert von Anfang an mit ihr mit und entwickelt vom ersten Moment an Empathie für die Person und Handlungen der Mildred Hayes. Und dies alles hängt mit einer Frage zusammen: Würde ich das auch so tun? 

Die Handlungen von Hayes sind durchgehend glaubwürdig und nachvollziehbar – selbiges gilt für Ihre Gegen- oder Mitspieler – und das ist der Schlüssel, weshalb dieser Film es vermag, einen von Anfang bis Ende zu fesseln: selbst in der größten Antipathie für Ihre Gegenspieler entwickelt man als Zuschauer sogar Empathie für eben diese Figuren.

Teile des Ortes lehnen ihr Auflehnen gegen die örtlichen Gesetzeshüter und dem damit verbundenen Medieninteresse ab und stellen sich gegen sie. Allen voran Jason Dixon (Sam Rockwell), die rechte Hand des Polizeichefs, versucht sie mit aller Macht zu stoppen. Die Figur des Dixon mausert sich durch ihre Entwicklung zu einem der interessantesten Charaktere der jüngeren Filmgeschichte und bildet einen hervorragenden Gegenpart zur Figur von Frances McDormand. Auch die Figur des “Charlie” – verkörpert durch John Hawkes – als Ex-Ehemann von Hayes nimmt eine wichtige Stellung in der Gesamthandlung ein, liefert sie doch starke Anhaltspunkte für die fast radikale Handlungsweise der Hauptfigur.

Der heimliche Held

Der heimliche, stille Held dieses Films ist jedoch Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh. Der Regisseur ist im klassischen Arthaus-Stil sowohl für das Drehbuch als auch die Regie verantwortlich und liefert hier eine Leistung ab, die nicht ohne Grund mit unzähligen Preisen gewürdigt wurde. Darunter sieben Oscar Nominierungen – unter anderem als “Bester Film”. 

Genau diese alte Kombination aus Regie & Drehbuchautor – eine der Stärken des Arthaus Kinos – ermöglicht es ihm, seine Vision exakt umzusetzen und dem Film damit seine Kraft zu verleihen. Die Handlung des Films ist unvorhersehbar, sämtliche Figuren erleben glaubwürdige Entwicklungen und das Ende des Films überrascht und regt zum Nachdenken an.

Stil & Handwerk

Three Billboards outside Ebbing, Missouri ist eine ungewöhnlicher Mixtur verschiedener Filmgenres. Elemente von Thriller treffen auf Komödie, Drama trifft auf Western und vermischen sich gleichzeitig mit Themen wie der Verarbeitung von Trauer, Rassismus und Selbstjustiz. Er beschäftigt sich in seinem tiefsten Inneren mit Ethik und genau dieser Umstand, dieser ungewöhnliche Mix verschiedener Elemente, macht diesen Film so gut und verleiht ihm das, was ihn fast außergewöhnlich macht.

Martin McDonagh liefert als Regisseur eine oscarwürdige Leistung ab und wurde nicht ohne Grund auch mehrfach für das von ihm erstellte Drehbuch ausgezeichnet. Film Schnitt, Regie und die Auswahl der Drehorte sind durchgehend auf hohem Niveau und runden das Filmerlebnis ab.

Die Kameraarbeit des Films verdient eine besondere Erwähnung. Kameramann Ben Davis, welcher schon bei Filmen wie 7 Psychos, Layer Cake, Doctor Strange oder Avengers 2 starke Leistungen zeigte, steigert sich hier noch einmal, indem er es schafft, ein zum Film passendes ruhiges Bild auf die Leinwand zu bringen. Das Bild besticht durch wenige aber klare Einstellungen mit sauberen Schnitten und Fokus auf das Wesentliche. 

Auch die Kostüme der Figuren und die Lichtarbeit leisten sich keine Makel. Besonders das Licht überzeugt auch in den dunklen Momenten und liefert ein durchgehend gutes Niveau in den dunklen Szenen der Geschichte.

Musik

Carter Burwell, der in seiner Vergangenheit schon mehrfach sehr gute Leistungen zeigte (unter anderem z.B. bei “7 Psychos”, “The Ballad of Buster Scruggs” oder “Brügge sehen… und sterben?”) findet auch hier eine passende musikalische Untermalung. Die Musik ist überwiegend ruhig und passt sich dem amerikanischen Kleinstadtflair exzellent an.

Die Kombination aus Gitarre oder Banjo mit diversen anderen Instrumenten wirkt teilweise beruhigend und idyllisch, aber nie aufdringlich.

Darsteller & Schauspiel

Ein weiterer exzellenter Akteur, neben den bereits erwähnten herausragenden Frances McDormand, Sam Rockwell oder Woody Harrelson ist der junge Lucas Hedges. Der junge Akteur überzeugte schon in Lady Bird (2017), Boy Erased (2018) und Manchester by the Sea (2016) und zeigt auch hier, dass er anspruchsvollen Rollen nahezu mühelos gewachsen ist. In der Rolle des Sohnes von Mildred, glänzt der junge Amerikaner neben all den Hollywood Größen und liefert seine bisher beste Performance als Schauspieler ab. In seiner Rolle als Sohn, stellt er die Figur der Mildred immer wieder zur Rede und bietet ihr damit auch Kontra für ihre nicht unumstrittene Herangehensweise.

Ebenfalls erwähnenswert ist die schauspielerische Leistung von Peter Dinklage, dessen starke Performance in diesem Film, neben seiner Rolle in Game of Thrones, zu seinen besten Leistungen überhaupt zählt. Er verkörpert seine kleine aber nicht unwichtige Rolle so stark und mit genau der richtigen Menge Einsatz, dass er nicht viel Screentime braucht, um in Erinnerung zu bleiben.

Three Billboards outside Ebbing, Missouri_Dinklage
© Twentieth Century Fox

Epilog

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist alles. Liebe, Frust, Hass, Gleichgültigkeit, Rassismus, Gewalt, Hoffnung. Aber es ist vor allem eines: Eine Sozial- und Psychostudie.

Die Liebe zur Figur der Mildred Hayes ähnelt der Liebe zu einem Anti-Helden und dem schmalen Grad zwischen Verständnis und Ablehnung der Handlungen, die sich in einer Anti-Helden-Figur widerspiegelt.

Der Film zeigt auf seine beeindruckende Art und Weise, was passiert, wenn Menschen sich von einem System, welches für sie da sein sollte, allein gelassen, gar hilflos fühlen und reagieren. Er zeigt, was passiert, wenn Systeme und die Menschen darin versagen. Die ständige Frage nach dem: “wie weit würde ich an ihrer Stelle gehen?” ist das, was dem Film seine Stärke gibt. Es bedarf keiner bombastischen Effekte, damit dieser Film zu einem der besten Filme der letzten zehn Jahre wurde. Er ist eine Reise durch die eigene Gefühlswelt und er ist ein Spiegel für uns selbst. Er zeigt, worauf es wirklich ankommt, um großes Kino zu schaffen.

Unsere Wertung

9.7 Herausragend
10
Drehbuch
10
Regie
10
Licht & Kamera
9
Szenenbild
9
Ton
10
Besetzung & Darstellung