Review: Tell Me Why – Kapitel 1

Die „Life Is Strange“-Macher zeigen mit Ihrem neusten Ableger, weshalb Sie nach wie vor eines der beste Studios für die Darstellung komplexer Thematiken in Videospielen sind. Unsere Review zu „Tell Me Why“, dem neuesten Indie-Drama der Franzosen, vermittelt, weshalb selten zuvor der thematische Inhalt eines Videospiels so wichtig war.

Prolog

Nicht erst seit der Kontroverse um die sexuelle Orientierung des Charakters “Abby” im Playstation 4 Spiel “The Last of Us 2”, herrscht eine rege Kontroverse um die allgemeine Thematik und Repräsentierung von Minderheiten in Medien. Egal ob Filme, Serien oder Videospiele – alle Medien sind von dieser Kontroverse betroffen.

Dabei richtet sich die Kontroverse (oft) nicht gegen die Charaktere selbst, sondern bisweilen eher gegen die Macher der Medien, deren Geschichten rund um die Charaktere oft unter dem Verdacht stehen, eine “Agenda” an die Konsumenten herantragen zu wollen. Nicht selten folgen Boykott Aufrufe, Petitionen oder wütende Shitstorms von Konsumenten, die sich um eine gute Geschichte gebracht fühlen, weil politische/gesellschaftliche Meinungen mutmaßlich zwingend in Ihre Lieblingsmedien eingebaut werden müssen.

Umso mehr überraschte es, als das französische Entwicklerstudio Dontnod Entertainment im Herbst 2019 verkündete, dass es ein Indie-Videospiel mit einem Transgender Charakter im Fokus produzieren wird. Das Studio, welches in der Vergangenheit unter anderem große Aufmerksamkeit durch seinen weltweiten Überraschungshit “Life is Strange” erhielt, verkündete hierzu die Zusammenarbeit mit den Microsoft Game Studios. 

Schon “Life is Strange” behandelte oberflächlich die Thematik einer homosexuellen Beziehung zweier junger Frauen, fokussierte sich jedoch nur im Detail auf die sexuelle Orientierung beider Personen. Der Spieler hatte zudem die freie Wahl ob dies so sei oder nicht. Der neueste Ableger der französischen Spieleentwickler “Tell me Why” dagegen stellt die eigene geschlechtliche Orientierung der Hauptperson in den Vordergrund und bindet diese geschickt in die Handlung des Spiels ein, ohne dass man als Spieler das Gefühl hat, etwas sei aufgezwungen oder unnatürlich. Das ist Vorbildlich und sucht bisher seines gleichen.

Tell Me Why_Tyler Alyson
© Dontnod Entertainment

Der Plot

Die Handlung des Spiels startet mit dem Verhör des jungen Tyler, welcher im Verhörraum des lokalen Polizeireviers der fiktionalen Kleinstadt Delos Crossing in Alaska ein Geständnis ablegt, dass er seine eigene Mutter getötet habe. Nachdem diese versucht haben soll Ihn umzubringen, tötete er diese in Notwehr. Man erfährt weiterhin, dass der junge Mann dafür zu einer Jugendstrafe von 10 Jahren im Jugendgefängnis verurteilt wurde.

Als weitere Konsequenz aus dem Urteil wurde er von seiner Schwester Alyson getrennt, welche zudem in die Obhut von Pflegeeltern gegeben wurde. Beide dürfen die ersten sieben Jahre der Strafe keinerlei Kontakt zueinander haben. Nach Beendigung der vollen zehn Jahre wird Tyler freigelassen.
Bereits vor seiner Entlassung stand er mit seiner Schwester in regem Austausch und schmiedete Pläne für den Tag seiner Freilassung. Beide planen, das Haus ihrer Kindheit aufzusuchen, es zu renovieren und für einen Verkauf vorzubereiten, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten und dadurch dieses dunkle Kapitel Ihres Lebens abzuschließen. 

Im weiteren Verlauf der Handlung erfährt der Spieler, dass Tyler nicht immer “Tyler” war. Tyler war eigentlich ein junges Mädchen namens “Ollie” und die Schwester von Alyson. Schon sehr früh stellte das Mädchen fest, dass es im Körper eines Frau gefangen ist und sich mehr wie ein Junge fühlt. Die sehr junge Frau ging dabei offen mit Ihrer Gedankenwelt um. Sie bat Ihre Mutter mehrfach, sie in der Jugendmannschaft des lokalen Eishockey-Teams anzumelden, schnitt sich die Haare männlich und gab Ihrer Schwester zu verstehen, dass sie sich als Ihr Bruder sehe.

Vergangenheitsbewältigung

Die Erinnerungen des Geschwisterpaares zeigen, dass die Mutter mutmaßlich schwer unter der Orientierung Ihrer jungen Tochter litt und dies nur schwer zu verarbeiten wusste. Eines Abends kommt es zur Eskalation und die Mutter versuchte, die junge Frau zu töten. In Notwehr, wendet diese den Angriff ab und tötet die Mutter im Gegenzug. 

Während Ihrer Zeit im Jugendgefängnis, unterzieht sich “Ollie” unter ärztlicher Aufsicht einer Geschlechtsumwandlung und nimmt den Namen “Tyler Ronan” an. Hier setzt die eigentliche Handlung des Spiels an und übergibt den Spieler in die gemeinsame Gedankenwelt des Geschwisterpaars, welches im Verlauf der Handlung seine eigene Form der Vergangenheitsbewältigung versucht. Ein unerwarteter Fund im Zimmer der eigenen Mutter wirft neues Licht auf den Mordversuch an Tyler und bringt das Geschwisterpaar dazu, Nachforschungen in der Vergangenheit der Mutter anzustellen.

Kritik

Die Handlung des Spiels stellt die geschlechtliche Orientierung des Charakters klar in den Vordergrund, ohne dabei aber aufdringlich zu wirken. Im Gegensatz zu vielen anderen Medien, fühlt sich dieser Aspekt der Geschichte nicht aufgezwungen, sondern durchweg rund und exzellent erzählt an.

Sowohl Alyson als auch Tyler verfügen über glaubwürdige Hintergrundgeschichten und eigenständige Charakterzeichnungen, welche sie eigenständig handeln und Entscheidungen treffen lassen. Durch die erzählte Akzeptanz, die Alyson ihrem Bruder entgegen bringt, wird auch der Spieler positiv an das Themengebiet herangeführt. Die in der Handlung thematisierten, teils traumatischen, gemeinsamen Erlebnisse des Geschwisterpaars führen dazu, dass man die Gedankenwelt aller beteiligten besser verstehen lernt.
Im weiteren Verlauf kommen zudem leichte Mystery Elemente ins Spielgeschehen, welche vorrangig dazu dienen, die Verbundenheit der beiden Geschwister besser darstellen und die Erzählung der Handlung spannend voranzutreiben. 

Wir verzichten an dieser Stelle auf weitere Details bzgl. dieser Elemente, da es sonst zu Spoilern kommen würde. Allerdings sei gesagt, dass diese keineswegs “falsch” oder deplaziert wirken. Sie sind sehr gut eingebunden und bereichern das allgemeine Gameplay stark, indem es z.B. die vergangenen Erlebnisse visuell darstellt.

Gameplay, Grafik & Sound

Das Spiel bewegt sich im vom Studio gewohnten Rahmen, den man bereits von anderen Spielen wie z.B. Life is Strange 1 & 2 kennt. Der Spieler bewegt sich in der Schulterperspektive durch in sich abgeschlossene Areale. Er betrachtet Gegenstände im Haus, liest Dokumente, Bücher oder Notizen und interagiert mit Gesprächspartnern. Die Steuerung geht dabei sehr einfach von der Hand und ist nur selten unpräzise.

Die Spielweise gestaltet sich unaufgeregt. Sie passt jedoch zur Erzählweise des Spiels, welches vorrangig auf Ruhe setzt, Dialoge fokussiert und auf kleinere Interaktionen mit der Umgebung abzielt. Spannung bietet das Element der Auswirkung von Gesprächsoptionen auf Gesprächspartner die je nach Auswahl der Tonlage oder Frage/Antwort-Wahl des Spielers mehr oder weniger Details über vergangene Ereignisse und Motive der Mutter liefern. Die Optionen können durch das Sammeln von Beweisen gestützt und im Detail erweitert werden.

Kleinere Fehler im Spiel stören das Spielerlebnis hin und wieder, fallen jedoch nicht allzu groß ins Gewicht. Z.B. brechen gestartete Dialoge oft ab, wenn man Bereiche oder Räume betritt, an denen automatisiert ein Dialog abgespielt werden soll, das stört die Immersion der Umgebung leider oft. Auch lassen sich manche (wichtige) Dialoge mit Gesprächspartnern in Schleife wiederholen – manche jedoch nicht. Manche Animationen wirken zudem etwas holprig, brechen ab oder die Figuren kollidieren mit Gegenständen. Hier werden sicher einige Updates bald Besserung bringen.

Die Grafik des Spiels ist reduziert, aber nicht hässlich oder gar negativ anzumerken. Geboten werden schöne Kulissen und ein ausgewogener Detailreichtum, welche durch solide Arbeit im Bereich der Gesichtsanimation unterstützt werden. Auch die Arbeit der Synchronsprecher ist positiv anzumerken und bringt sämtliche Emotionen glaubwürdig und gut verständlich zum tragen. Auch die Musik unterstützt das Setting der schönen Umgebung in Alaska ausgezeichnet und trägt zum Genießen bei.

Zusammenfassung

“Tell Me Why” hat die Möglichkeit, Pionierarbeit zu leisten. Das Setting und die Handlung des Spiels sind mutig und bieten frische Ansätze, ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Die Handlung um den Transgender Tyler und seine Schwester Alyson ist gut erzählt und punktet genau dort, wo es die Entwickler beabsichtigt haben: in den zwischenmenschlichen Beziehungen und den Dialogen, die vergangene Ereignisse aufarbeiten sollen. Weder Grafik noch Gameplay sind auf ganz hohem Niveau, jedoch ist dies auch nicht notwendig, da hier ganz klar die Story im Vordergrund steht.

Verfügbarkeit

Tell Me Why kostet 29,99 € und ist ab dem 27. August für Xbox One und PC (Steam und Windows Store) als Download verfügbar. Es erscheint ebenfalls im Microsoft Xbox Game Pass. Wer die Xbox/Microsoft-Version kauft erhält zudem die jeweils andere Version gratis dazu.

Die Kapitel 2 und 3 erscheinen voraussichtlich am 3 und 10. September und sind im Kaufpreis inbegriffen.

Unsere Wertung

7 Empfehlenswert
6
Grafik
9
Story
5
Gameplay & Steuerung
8
Sound & Musik

Meinung

Die Entwickler von Dontnod Entertainment haben exzellente Arbeit geleistet, welche in Ihrer Gesamtheit Spaß macht und dazu anregt, die Kapitel 2 und 3 spielen zu wollen. Kapitel 1 bietet ca. 3-4 Stunden Spielzeit und bietet interessante Ansätze, welche hoffentlich in den folgenden Wochen ausgebaut werden. Wer auf mutig erzählte Geschichten im Indie-Gewand steht ist mit diesem Spiel richtig beraten, Fans von Life is Strange ist dieses Spiel ebenfalls wärmstens ans Herz zu legen.