„Sowas hat der deutsche Kinofilm nicht verdient!“

Eine Kolumne zum Status Quo des deutschen Film 2020

Eine Kolumne zum Status Quo des deutschen Film 2020

Persönliche Meinung

Der deutsche Filmschaffende Michael “Bully” Herbig hat dem Film-Branchenmagazin Blickpunkt:Film Ende Mai diesen Jahres ein Interview gegeben, in welchem er deutliche Kritik am Deutschen Filmpreis und der deutschen Filmbranche äusserte. Diverse Medien berichteten über das Interview Herbigs (z.B. Focus, Tag24 oder Kinopolis), welches sich zwischen den Zeilen sowohl wütend als auch resigniert liest. 

Kernthema des Interviews war der Rahmen der Verleihung des deutschen Filmpreises (“Lola”), welche aufgrund der Corona-Pandemie dieses Jahr in einem TV Studio, ohne Publikum, stattfand. Herbig kritisierte, dass dieser Rahmen unwürdig sei und der deutsche Film so etwas nicht verdient habe. Doch das Interview hatte noch eine weitere Thematik, die weitestgehend unbeachtet blieb.

Fördergelder in Deutschland

Weitestgehend unbeachtet blieb Herbigs Kritik an der Vergabe von Fördergeldern in Deutschland, welche mit dem Preis eng verbunden ist. “[…] die Filmakademie hat einen schweren Geburtsfehler, und das ist der Deutsche Filmpreis.” sagte Herbig gleich zu Beginn des Interviews. Er wolle aber zu keiner pauschalen Kritik ausholen, stellte er unmissverständlich klar. Im weiteren Verlauf des Interview mit dem Magazin ging Herbig darauf ein, dass er die Akademie im Jahr 2018 aus Protest verlassen habe, um gegen den herrschenden Zustand (still) zu protestieren.

Herbig kritisierte besonders die Struktur innerhalb der Akademie, welche für die Preisvergabe und damit für die Verteilung von Fördergeldern zuständig sei. Diese wurden von den rezitierenden Medien doch eher ignoriert und lassen einen als Filmliebhaber doch eher überrascht zurück. Sie bieten ein ganz gutes Bild darüber, weshalb der Deutsche Film auch im Jahr 2020 nicht so recht durchstarten kann (oder will?), ohne dass eine unabhängige Partei als Investor fungiert. Dark oder How to sell Drugs online (fast) bei Netflix sind zwei exzellente Musterbeispiele der nahen Vergangenheit. 

Herbig nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und legt klar offen, wie in Deutschland Preise – und damit Gelder – verteilt werden. Hier ein kleiner Auszug:

“Die Lola ist ein politisch geförderter Preis, und es geht um Fördergelder. Und das beeinflusst – bewusst oder unbewusst – das Wahlverhalten vieler Mitglieder.”

“Faktisch ist es so, dass sich nur ein geringer Bruchteil der Wahlberechtigen alle Filme komplett anschaut.”

“Ich kenne die große Angst vieler Produzenten, dass die Fördergelder gestrichen werden könnten.”

“Die meisten Mitglieder der Akademie wählen nicht objektiv! Es wird nicht immer die beste Leistung ausgezeichnet, entscheidend sind oft andere Faktoren. Es gibt Mitglieder, die sprechen auch ganz ungeniert darüber, dass sie ihre Stimme lieber denjenigen geben, die das Geld dringender für ihr nächstes Projekt benötigen. Auch die Sympathie und Vernetzung spielen eine größere Rolle.”

Ein Blick über den Tellerrand

Fasst man diese Aussagen zusammen kommt man nicht umhin zu sagen: in der deutschen Filmakademie herrscht scheinbar ein ganz klarer Fall von Vetternwirtschaft, um einer ausgewählten Gruppe an Personen zum einen Fördergelder und zum anderen gezielt Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Aber eigentlich dürfte das niemanden überraschen.

Es ist kein Geheimnis, dass sich bei deutschen Preisverleihungen gerne immer wieder dieselben Gesichter gegenseitig Preise in die Hände geben. Der ehemalige Musikpreis “Echo” (jetzt “IMA”), das “Bambi” oder “die goldene Kamera” sind hier drei exzellente Beispiele. Oder aber, dass zumindest der unausgesprochene Verdacht im Raum steht, dass dafür gesorgt wird, dass die Preise in den richtigen Händen landen. “Stören” neue Leute diesen Mikrokosmos nachhaltig, werden die Spielregeln eben angepasst, bis man diese Leute wieder los ist – oder man löst den Award gleich ganz auf und plant mit “tiefgreifenden Reformen” eine Neuauflage.

Ein Beispiel

2015 wurde als Reaktion auf den Einfluss von Social Media ein “Bester interaktiver Act”-Echo für die beste Social-Media Performance eines Künstlers eingeführt. Zur Bemessung wurde eigens ein Algorithmus angefertigt, der hier alle potentiellen Kandidaten ermitteln und bewerten sollte. Berücksichtigt wurden dabei die Gesamtanzahl, der Zuwachs und die Interaktion mit Fans auf gängigen Social-Media-Portalen, hauptsächlich jedoch die Relevanz der Beiträge, sprich: wie oft wurde geteilt, geliked und kommentiert. Der Rapper “Kollegah” konnte sich sowohl 2015 als auch 2016 den Award sichern.

Eine 2016 durch ihn getroffene Aussage gegenüber dem Magazin hiphop.de legt nahe, dass es vor der Awardvergabe 2016 eine Beschwerde durch Schlagersängerin Helene Fischer an die Jury bzw. dem Gremium des Echo gab. Die Sängerin hätte den Preis nur zu gern in Ihren Händen gesehen, sei hier jedoch chancenlos gegen die Masse der Interaktionen zwischen Fans des Rappers und ihm selbst. 2017 wurde dieser Preis wieder abgeschafft. Kommentarlos. Natürlich.

Im Jahr 2018 folgte dann die komplette Abschaffung des Echo nach dem Skandal um die Preisvergabe an die Rapper Farid Bang und Kollegah, deren mutmaßlich antisemitische Texte beim Publikum des Echo (zu Recht) für Entrüstung sorgte.

Weshalb aber niemand zuvor schon ein Ende des Echo forderte, als die mutmaßlich rechts-konservative Rockband “FREIWILD” 2013 erst noch erfolgreich als Preis Empfänger verhindert, 2016 dann aber doch ausgezeichnet wurde, oder als die Deutsch-Rocker “Die toten Hosen” – die in Songtexten teilweise zur Gewalt gegen Polizisten aufrufen – mehrfach für Ihre Werke ausgezeichnet wurden, bleibt das Geheimnis der Anwesenden. Auffällig war jedoch, wie medienwirksam viele Künstler und prominente ihre Echos zurückgaben.

Auch bei den Worten “Bambi”, “Integration” und “Bushido” dürften sicher einige unschöne Erinnerungen geweckt werden.

Quo Vadis Deutscher Film?

An der grundsätzlichen Kritik von Michael “Bully” Herbig ist nichts auszusetzen. Die Tatsache, dass die Filmakademie mutmaßlich nur kleinere Filme und damit das deutsche Arthaus Kino unterstützt und prämiert ist nicht zwingend falsch. Kleinen Filmemachern darf keinesfalls eine Grundlage entzogen werden. Aber: auch große Produktionen sollten Beachtung finden und eine faire Chance haben. Hier hat Herbig definitiv einen Punkt getroffen. Und mit den getroffenen Aussagen Herbigs über die Vergabe Methoden und dem System dahinter wird es das nicht gegeben. Er selbst ist das beste Beispiel: für seinen Erfolg des Films Schuh des Manitu, wurde extra eine Kategorie erfunden, damit der Film und dessen Erfolg (rückwirkend!) gewürdigt werden konnte.

Die Grundsätzliche Frage ist:
Wofür steht der deutsche Film?

Schaut man sich die Liste der eingereichsten Titel Deutschlands für die Kategorie “bester internationaler Film” an, fällt einem auf, dass man überwiegend immer wieder dieselben Thematiken findet: die DDR und der Nationalsozialismus. Das sind thematisch sichere Häfen, die in Deutschland immer staatliche Fördergelder garantieren werden. Aber Film-Deutschland kann eben auch mehr. 

Toni Erdmann und Systemsprenger sind zwei erfrischende Gegenbeispiele, dass es auch anders geht. Dieser Trend muss fortgesetzt werden, denn Deutschland hat exzellente Filmschaffende und Fördergelder sollen und müssen in den richtigen Händen landen, damit sichergestellt ist, dass die besten und kreativsten Ideen gefördert werden und nicht diejenigen, die den meisten Einfluss oder das beste Netzwerk haben.

Der deutsche Filmpreis steht leider nicht für die gesamte Bandbreite des deutschen Films und seiner Gesamtstruktur. Er steht für ein in sich lebendes Ökosystem, das sich selbst am Leben erhält, indem es Filme prämiert, für die sich ausserhalb der Branche nur wenige interessieren. Ob diese Reform jedoch von selbst eintritt darf stark bezweifelt werden. Das System ist in sich geschlossen – ebenso wie es auch andere Preisverleihungen in Deutschland sind. Und ob das dahinter stehende Bundesministerium für Kultur Impulse geben möchte, ist fraghaft. Vielleicht bedarf es einem handfesten Skandal wie beim Echo, damit hier etwas passiert. Doch auch bei diesem muss die Zukunft noch zeigen, ob sich hier wirklich etwas verbessert hat.