Wie unabhängig sind Film- und Videospielmedien?

Eine Kolumne zum Thema "Access Media" in der Film- und Videospielbranche

Eine Kolumne zum Thema "Access Media" in der Film- und Videospielbranche

Persönliche Meinung

Wir möchten mit dieser Kolumne ein Geschehnis der vergangenen Tage für Sie rekonstruieren. Etwas, was uns vom Reviewerk erneut ins Gedächtnis gerufen hat, was unser Ansporn war, als wir uns zur Gründung dieser Webseite entschlossen haben. Doch zunächst ganz von vorne:

Das Thema mit den "Zuwendungen"

Zuwendung oder Geschenke sind ein schwieriges Thema. Die Kontroverse um das Videospiel “The Last of Us 2” und der sogenannten “Access Media”, sprich: Medienvertreter, die mit Gratis Zuwendungen umworben werden, um wohlwollende Reaktionen zu befördern, haben uns vom Reviewerk dazu bewogen, dieses Portal überhaupt zu gründen. Wir halten dieses Thema für “schwierig”. Sehr schwierig. Auch unser Portal erhält in gewisser Form “Gratis Zugang”. Jedoch lediglich zu Pressemitteln wie Fotos oder Trailern. Oder zur Ankündigungen über baldige Geschehnisse z.B. bei Events oder Medienportalen. Nichts, wozu Sie, werte Leser, nicht auch Zugang erlangen können.

Die Kollegen des “Kino+”-Magazin haben Mitte Oktober eine Sondersendung abgehalten, in welcher Zuschauerzusendungen ausgepackt und teilweise für Verlosungen an andere Zuschauer oder (mutmaßlich!) als Geschenke an Mitarbeiter hinter der Kamera vorbereitet wurden. Einer der Chefs – und Co-Teilnehmer der Sendung – von Rocketbeans TV Etienne Gardé, fiel im Zuge dieser Sendung negativ auf – nachdem er reichlich Interesse an einigen Zusendungen bekundete und sich auch einige für den privaten Konsum reservierte. Im Zuge dieser Geschehnisse, beschwerten sich viele Zuschauer auf den Social Media Kanälen über das Verhalten Gardés und unterstellten ihm unter anderem Egoismus und auch das Ausnutzen seines Status beim Sender. Schwere Vorwürfe gegen einen der größten deutschen Gaming-Influencer.

Rechtfertigungsversuche

In der darauffolgenden Sendung versuchte Etienne Gardé eine Entschuldigung für sein Handeln zu formulieren und brachte einige Hintergrundinformationen ans Tageslicht, wie beim Sender “normalerweise” mit Zusendung dieser Art umgegangen wird. Leider waren darunter auch fragwürdige Aussagen, deren Inhalt impliziert, dass er die Mitnahme solcher Zuwendungen mitunter auch als Schmerzensgeld für die Kommentare gegen sich sieht.

“… Es ist ja auch ganz oft so, wir kriegen von den Publishern oder den Verleihen ne Kiste voll DVDs und dann können wir selber entscheiden, wie viele wir verlosen oder wie viele wir selber kriegen und das kriegt ihr dann gar nicht mit.”.

– Etienne Gardé, 29.10.2020

Wir möchten an dieser Stelle von einem persönlichen Urteil für oder gegen Herrn Gardé absehen, da dies nicht das Ziel des Textes sein soll. Jedoch möchten wir einen expliziten Punkt in der Gegendarstellung von Etienne Gardé herauspicken, der uns zu denken gab.

Diese obere Aussage ist… schwierig. Stellt sie doch exakt das hervor, was wir vom Reviewerk so sehr an etablierten Medienvertretern kritisieren: Transparenz.

Im Juni diesen Jahres wurde eine riesige Corona Infektionsquelle bei einem der größten deutschen Schlachtbetriebe unter Leitung des Unternehmers Clemens Tönnies bekannt. Etablierte Medien berichteten über die Umstände und deckten dabei Abläufe auf, die zu dieser Tragödie führten, sie sogar förderten.

Niemand von uns käme auf die Idee zu behaupten, dass Journalisten hier eventuell weniger kritisch, gründlich oder gar ungewollt positiv über die Missstände berichtet hätten. Das zu behaupten wäre gefährlich, würde es doch die Unabhängigkeit der deutschen Medienlandschaft gänzlich in Frage stellen. Undenkbar also. Oder?

Ein Gedankenspiel

Stellen Sie sich vor, Clemens Tönnies würde jedes Mal, wenn eines seiner Unternehmen ein neues Produkt auf den Markt bringt, eine geschlossene Veranstaltung abhalten, zu der Sie, werte Leser, keinen Zutritt haben und auch nicht bekommen können. Er bezahlt für die Veranstaltung und für die Reisekosten sowie Spesen der zuvor exklusiv ausgewählten Journalisten. Und stellen Sie sich weiterhin vor, dass alle dort exklusiv eingeladenen Journalisten regelmäßig gratis Fleisch für die Weitergabe im privaten und geschäftliche Zwecke von Tönnies erhalten würden. Natürlich trifft Herr Tönnies sich auch persönlich mit führenden Pressevertretern auf Messen oder generellen Veranstaltungen, um sich miteinander ablichten zu lassen, Hände zu schütteln und Essen zu gehen. Währenddessen kann die Öffentlichkeit den Fleischkonsum auf den privaten Social Media Accounts und Blogs der Journalisten beobachten. Ganz ungeniert.

Würden sie diesen Medienvertretern abnehmen, dass diese unabhängig und unvoreingenommen z.B. über Probleme auf den Schlachtbetrieben oder über die tatsächliche Qualität der angebotenen Produkten informieren? Sicherlich nicht, oder?

Der Gott des Geldes

Seit Jahren laden Videospiel Publisher oder Filmstudios zu exklusiven Partys oder Vorführungen ihrer Produkte ein. Treffen, für die zu 100% vom Veranstalter aufgekommen wird und auch alle Kosten und Spesen der Berichterstatter werden üblicherweise abgedeckt. Zugang erhält man nur über vorige exklusive Auswahl und Einladung durch die Veranstalter. Das Zusenden von teuren Sammlereditionen, limitierten Auflagen oder Produkten wie z.B. Sitzstühlen, Merchandise oder anderen Artikeln ist Gang und Gebe. Die Gratis Vergabe von “Keys” an Videospielmagazine branchenüblich.

Kontroversen um die Vorgänge – besonders in der Videospielbranche – gab es schon mehrfach und lange. Geändert hat sich nichts. Nach wie vor lassen besonders Medienvertreter und Influencer Transparenz vermissen. Die Frage, ob bei Wertungen und Meinungen nicht gerne etwas gedreht wird, lässt sich nur schwer be- oder widerlegen.

Sicher, niemand verlangt, dass der Gratis Vorab-Zugang von Netflix/Amazon nicht erteilt wird oder digitale Codes für Spiele nicht an Magazine verteilt werden. Journalisten müssen arbeiten können, ohne eine drohende Privatinsolvenz fürchten zu müssen. Allerdings stellt sich die Frage, wie unabhängig und unvoreingenommen jemand noch ist, wenn Previews an Event-Locations (inkl. Flug, Hotel und Logie) abgehalten, ganzes Mobiliar verschenkt oder limitierte, teure Sammlereditionen vom Postboten übergeben werden. Ob da ein Instagram-Post oder ein Twitch-Stream noch schnell mit einem #Werbung versehen wird, spielt dann sicherlich kaum eine Rolle mehr in der Wahrnehmung der Endverbraucher. Eine Fußnote. Mehr nicht.

Die Erkenntnis

Uns ist bewusst, dass unsere Reviews von uns nicht immer pünktlich zum oder VOR dem Start eines Films/ der Serie auf Portalen oder Kinos für Sie zur Verfügung stehen. Wir arbeiten hart daran, dies zu verbessern. Auch Reviews zu Videospielen erscheinen oft “verspätet” bei uns. Sprich: nach dem offiziellen Veröffentlichungsdatum. Das liegt daran, dass alle Mitarbeiter vom Reviewerk Ihre Leistungen für das Portal auf freiwilliger Basis, unbezahlt und auf eigene Kosten erbringen.

Dies schließt ein, dass wir alle Kinobesuche, Streaming Abos, Spiele oder Blu-Rays selbst bezahlen und wir somit auf den offiziellen Release warten müssen. Hinzu kommen private Termine, die Arbeit und natürlich Verpflichtungen gegenüber Partnern, Familie oder dem Arbeitgeber.

Wir haben uns hier zum Ziel gesetzt, dass – sollte es vor einer Review durch uns Zuwendungen jeglicher Art durch irgendeine Partei geben – wir diese zu 100% kenntlich machen werden. Wir möchten mit dieser Seite Transparenz bieten und Glaubwürdigkeit aufbauen. Dies erreicht man nur, indem Vertrauen aufgebaut wird. Wir hoffen, dass Ihnen unsere Reviews auch einen Mehrwert bieten, wenn sie nicht immer ganz pünktlich kommen oder etwas zeigen, was vielleicht schon länger Verfügbar ist, jedoch wenig Beachtung auf den etablierten Portalen fand.

Dies, und nur dies, ist das Ziel dieses Portals und wir werden weiterhin alles unternehmen, im Rahmen der uns selbst auferlegten Regeln zu handeln.

Vorkommnisse wie beim Videospiel “The Last of Us 2” oder jetzt bei Rocketbeans TV häufen sich und sie sollten weiter kritisch hinterfragt werden. Dies tun immer weniger. Und das sollte allen zu denken geben.